„Dem Gehenden schiebt sich der Weg unter die Füße“, sagt Martin Walser.

Er hat Recht. Stillstand ist keine Option – auch nicht, wenn man vor einem unüberwindbar scheinenden Abgrund steht. Manchmal muss man dann einen Umweg machen und hat vielleicht das Glück, dadurch an ein paar wunderbare Orte zu kommen, die man sonst nicht entdeckt hätte.

Uns ging es so, als unser Sohn geboren wurde

In der ersten Zeit waren wir völlig gelähmt, ohnmächtig und verzweifelt. Wir waren in eine Situation katapultiert, die nicht nur unsere ganze Zukunftsplanung zunichte machte, sondern – viel schlimmer – lebensbedrohlich für unser Kind war! Im Nachhinein sind wir froh, dass wir relativ schnell zu unserer Kraft zurück gefunden haben. Wir konnten die nächsten (neuen) Schritte gehen – nicht zuletzt, da unser Sohn so ein kleines fantastisches Wunder war, das es zu schützen, zu verteidigen, zu umsorgen galt.

Der Aktionsradius wird klein

Es war klar, dass wir unsere Zukunft umplanen mussten bzw. durften. Wir haben damals einen richtig guten Weg gefunden, uns in unserem neuen Leben einzurichten! Die acht Jahre, die wir Vier auf dieser Welt zusammen verbringen konnten, waren zwar im Bezug auf Franzis gesundheitliche Situation auch oft sehr sorgenvoll, aber wir hatten so wunderbare gemeinsame Erlebnisse und durften so viele kostbare, lustige und wertvolle Momente miteinander teilen! Unendlich schön!

Gehen und Wandern als Ausgleich

Ganz wie Martin Walser schreibt, sind wir vorangeschritten – bestärkt von der Liebe unserer Kinder und sind auch im tatsächlichen Wortsinn viel gewandert oder spazieren gegangen. Wie bei ganz „normalen“ Familien hatten unsere Kinder – je nach Alter und Entwicklungsstufe – ihre Gefährte mit dabei (Bericht über Franzis Fahrrad „Trets“ von Hase folgt!) und wir konnten miteinander Zeit verbringen, ohne Angst haben zu müssen, dass sich Franzi mit seiner Infektanfälligkeit und den schlimmen Krankheitsverläufen irgendwo anstecken könnte. Das gemeinsame Erleben und die vielen witzigen – manchmal auch tiefschürfenden – Gespräche, die wir auf unseren Touren führten, fehlen mir so unendlich 

Ich kann und will nicht gehen!

Das ist vielleicht mit ein Grund, warum ich nach Franzis Tod nicht mehr gehen konnte und wollte. Lediglich die täglichen Gänge zum Friedhof (manchmal mehrmals am Tag) haben mich dazu gebracht, von meinem Sessel im Wohnzimmer aufzustehen, von dem aus ich monatelang apathisch in unseren Garten starrte. Tatsächlich kann ich mich nur bruchstückhaft an diese Zeit erinnern – ohne unseren kleinen Sonnenschein wollte jedenfalls keiner von uns Dreien einen Spaziergang machen.

Auf dem Berg ist man dem Himmel näher

Erst im Laufe der Zeit haben wir so viel Kraft sammeln können, dass erste Wanderungen wieder möglich waren. Schnell merkten wir, dass wir immer noch zu viert unterwegs waren. Franzi war nicht nur in unseren Erzählungen auf dem Berg präsent. Er schickte uns, so sehen wir das zumindest, auch kleine Botschaften: unzählige perfekt herzförmige Steine fanden wir auf unseren Touren, die wir nach jedem Ausflug auf dem Heimweg am Grab vorbeibrachten (Inzwischen sammeln wir daheim!). Auch wenn es keinen Trost gibt – es ist ein Ritual, das uns Halt gibt und uns mit Franzi verbindet!

Bei vielen Krisen gilt – Gehen hilft!

Durch Gehen lösen sich Probleme nicht in Luft auf – Kranke werden nicht gesund und Verstorbene nicht lebendig – aber: Gehen hilft vielen Menschen dabei, Dinge einzuordnen, den Gedanken freien Lauf zu lassen, das Gedankenkarussel zum Stillstand zu bringen, sich mit geliebten Menschen zu unterhalten, die nicht mehr da sind… es gibt unendlich viele Gründe, warum man viel öfter einfach losgehen sollte!

In Zukunft möchte ich den einen oder anderen Tipp für einen kleinen Spaziergang oder eine Wanderung in unserer Region an dieser Stelle veröffentlichen. Es werden keine „Geheimtipps“ sein, sondern Wege, die erprobt sind, im besten Fall einigermaßen barrierefrei und nicht zu anspruchsvoll. Wir hoffen, dass diese Vorschläge dazu führen, dass sich Familien gemeinsam auf den Weg machen, um kostbare Erinnerungen zu sammeln oder verwaiste Familie wieder in Bewegung kommen. 

Wenn eine schwere Diagnose oder der Tod eines geliebten Menschen als Lebenskrise wie ein unendlich hoher Berg vor einem steht, dann schafft man es oft nicht alleine, den Berg zu bezwingen – oder drumherum zu laufen. Man braucht ein soziales Netzwerk, das einen sicher trägt und vielleicht streckenweise an der Hand nimmt.

Gerne können wir ein paar Schritte miteinander gehen – nehmen Sie Kontakt auf und wir schauen gemeinsam, wie eine hilfreiche Unterstützung aussehen kann.

Gemeinsam sind wir stärker!

Wenn Sie sich für das Gedicht „Mut“ von Martin Walser interessieren, dem der Satz „Dem Gehenden schiebt sich der Weg unter die Füße“ entliehen ist, dann klicken Sie auf dieses Video:

Text: „Mut“ von Martin Walser aus: Lektüre zwischen den Jahren

Bilder: Tuor, adege, beingboring und JerzyGorecki jeweils auf Pixabay

Audio: Irmengard Schubert